Dienstag, 27. Januar 2009

Da bin ich wieder


Ihr Lieben,

„Ein straffes Programm legen Sie da vor, Frau Heidrich“ sagte Sally – das fasst vortrefflich meine erste Woche in Deutschland zusammen. Keine Zeit verlieren, alles irgendwie innerhalb von 2 Wochen abhaken (Arztbesuche, Wohnung suchen und finden, Praktikumsvorstellungsgespräch, bei der FH wichtige Unterlagen abgeben, beim Auslandsamt mindestens kurz Hallo sagen, BAföG-Antrag neu stellen...), damit ich ab dem 01.02.09 ein freiwilliges Praktikum absolvieren kann. Ob das jetzt normal, verrückt oder sinnvoll ist, weiß ich selber noch nicht, aber eins ist mir klar: Ich habe den Punkt „Re-Integration“ auf meiner to-do-Liste nicht mit aufgeführt und spüre diverse Konsequenzen. Gedanklich bin ich im Niemandsland gestrandet, habe irgendwie schon das Gefühl vergessen, das mich umspannte, als Ankara noch meine Heimat war. Ich gehe durch altbekannte Straßen in Münster, bin erschrocken über eine fiese Normalität, die mir entgegen zu lachen versucht. Nur hindert mich irgendetwas, zurück zu lachen. Münster, und Koblenz erst recht, kommt mir witzig klein vor, wie eine Pupenstube und ich komme nicht drum rum immer und immer wieder zu denken „Nein, wie süß“.

Ich habe mir kaum Ruhe gegönnt, um vielleicht auch komische Rückkehrergefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zu viel Zeit zum Denken gleich zu viel Zeit, um einen Kulturschock hochkommen zu lassen? Kein empfehlenswertes Rezept, wie ich selber auch weiß und so verbrachte ich die letzten Tage alleine beim Aufräumen meiner Umzugskisten und vielleicht gerade noch bei einem abendlichen Tee mit alten Freunden. Und von denen habe ich bisher wirklich wenig angerufen oder getroffen. Einige Treffen habe ich sogar abgesagt, absagen müssen. Denn so viel Tempo hat auch Nebenwirkungen. In den ersten Tagen drehte sich mein Kopf so sehr, wenn ich abends im Bett lag, dass ich gar nicht einschlafen konnte. Ich hatte so viele Gedanken im Kopf, über das vergangene Jahr, die Angst vor der Rückkehr und der Eingewöhnungszeit, dass es mir unmöglich war, diese Gedanken auch zu denken! Es war ein Klotz in meinem Kopf, ein Gedanken Berg in Größenordnung Kilimanjaro, der nicht gedacht werden konnte. Die einfachsten Fragen („Was denken Türken eigentlich über Deutsche?“) konnte ich meinen Kommilitonen in Koblenz nicht beantworten, mir fiel nichts dazu ein, obwohl ich dazu eigentlich einiges zu sagen hätte.

Frau greift ja manchmal zu „billigen“ Mitteln, um einen Neuanfang zu begehen und so habe ich mir zu aller erst neue Unterwäsche gekauft und meine Haare gefärbt. Ich will damit mein Niveau nicht unnötig auf Brigitte-Leser herunter ziehen, aber manchmal müssen Veränderung eben doch nach außen getragen werden, so scheint es, um eine innere Veränderung besser durchstehen zu können.

Nach 12 Monaten Türkei, vielen E-Mails, Telefonaten, Briefen und Gedanken an Euch bleibt mir nun nicht viel mehr als DANKE zu sagen für Eure wunderbare Unterstützung und Eure Hilfe in meiner schweren Anfangsphase, das Teilhaben an meinem Jahr in Ankara.

Ganz besonders danke ich Basti, Sally und Nina, Laura und Anika, die die zeitliche und finanzielle Bürde auf sich genommen haben, um mich zu besuchen. Es war ein fantastischer Sommer, vielen vielen Dank.

Danke an alle fleißigen Leser meines blogs. Ich habe großen Respekt davor, dass ihr euch durch meine doch oft langen Beiträge gelesen habt, mir euren Kommentar gepostet oder gemailt und mich damit nicht selten wachgerüttelt habt.

Danke auch an diejenigen, die es nicht geschafft haben, hier mitzulesen, mit denen ich selten Kontakt hatte, aus den unterschiedlichsten Gründen (nicht wahr, Katja ;-)?!). Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass ihr trotzdem da seid, dass ich mich auf euch verlassen kann.

Schönen Dank auch an die EU, die BRD und das Land Rheinland-Pfalz, die mich mit einem guten Polster Stipendien ausgestattet haben. Besonderen Dank ans Auslandsamt der FH Koblenz, ohne Eure Unterstützung hätte ich sicherlich nicht fliegen können!

Und natürlich auch vielen Dank an meine Eltern und meinen Bruder, dass ihr mich immer wieder gehen lasst, ohne zu meckern :-)! Dazu noch Grüße an meine Großcousine Marianne für das Aufbewahren meiner Möbel, vielen Dank.

Diesen blog habe ich eröffnet, um mein Jahr Türkei in eine nette Form zu bringen, um meine Gedanken zu ordnen und Euch daran teilhaben zu lassen. Das Jahr ist rum und, es tut mir schon fast weh, das zu sagen, aber damit hat auch dieser blog ein Ende...

Es war mir ein Vergnügen!

Auf bald persönlich, via E-Mail, Telefon und Co!

Lydia

PS: Für alle, die ohne blog nicht können, besucht doch meine liebe Sally in Costa Rica http://sallycostarica.blogspot.com/ !

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Ich bleibe so lange...

... bis der Wind sich dreht (frei nach Mary Poppins)! Und heute drehte er, nach 10 1/2 Monaten und 37 blog-Einträgen, und ich fühlte mich mit einem Lächeln an meine (schweren) Anfänge in Ankara erinnert: Heute viel der erste Schnee und das heißt wohl, es wird Zeit für mich zu gehen.






















Euch allen Frohe Weihnachten!

Lydia

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Frederick erzählt.

Ankara riecht nach...
... 4 Millionen Menschen, die mit Holz ihre Häuser heizen, gemischt mit dem Geruch von quietschenden Autoreifen und grauen Abgasen, dazu leichte, dünne Luft von 1000 Höhenmetern und manchmal riecht es nach Schnee, wenn ich morgens aus dem Haus gehe, obwohl noch keiner Gefallen ist. In der Luft ist der Geruch von frischem Simit und heißem Tee, wenn man durch die Straßen geht, nur nach frischem Gras und Blumen riecht es nie. Aber nach knackigem Gemüse im saftigem grün, nach prallem Obst im leuchtendem rot und gelb, ja, danach riecht es jeden Donnerstag auf dem Pazar.

Ankara hört sich an wie...
... das Meer, wenn man an der Hauptverkehrsstraße steht und die Augen zu macht. Das gleichmäßige Rauschen der Wellen wird leider allzu oft von durchdringenden Nebelhörnern unterbrochen. Ankara ist niemals leise, auch wenn du es gerne möchtest, nur Oropax kann helfen dem Großstadt-Grundbeat zu entkommen. In Ankara hört man immer Trillerpfeifen, aus gelassen Polizistenmündern, den Verkehr regelnd obwohl doch die feuerroten Ampeln das schon alleine könnten, wenn man sie nur lassen würde. „Benim adim ebruli, biraz gercek biraz rüya“, türkischer Pop, Halk Müzigi und harter Rock, abends wenn man durch Kizilay läuft.

Ankara sieht aus wie...
... an der falschen Stelle aus dem Boden gehauen, mit alten Häusern am Berg und sechziger Jahre Hochhäusern in der Ebene. Mit halbfertigen Bauten rechts und links, Gräben dazwischen, die zu Flüssen wurden, obwohl eigentlich eine U-Bahn dort fahren sollte. Ankara ist nun wieder in Seide gehüllt, in einen weißen Schleier, der erst wieder im Frühling verschwindet. Der Nebel ist beißend in den Augen, manchmal nimmt der dem Jogger im Park die Luft zum Atmen, denn der Schleier besteht aus Smog, zu hundert Prozent. Ankara sieht aus wie ein Stilbruch zwischen alt und modern, zwischen Dorf und Stadt, Weltstadt und Provinz. Ankara ist nicht international und doch weltbekannt und viel bereist. Das schönste Viertel in Ankara: Meine Wohnheimstraße, mit deinen alten Häusern, den spielenden Kindern und den kleinen Cafes. Den Moschen und dem kleinen Park. Den Atatürk Monumenten und der roten Fahne, erhabend über allem.

Ankara fühlt sich an wie...
... ein Haufen Asphalt auf dem Rasen, der lieber von Bäumen eingerahmt wäre. Ankara ist irgendwie eine andere Realität, ein bisschen weicher, noch ganz so hart wie in Deutschland. Ankara fühlt sich an wie zu Hause, wenn ich nach 10 Stunden Busfahrt erschöpft in die U-Bahn zur Kurtulus Station sitze. An Ankara denke ich, wenn ich nicht dort bin, weit weg, irgendwo in der Türkei und ich keine Lust mehr habe, unterwegs zu sein. Ja, dann denke ich an Ankara, mein Bett im Wohnheim, meine alltäglichen Wege durch Cebeci und Kizilay und Cankaya. Und dann freue ich mich, dass es ja bald zurück geht und ich fühle mich gut. Ja, Ankara fühlt sich gut an, richtig gut!

Ankara ist....
... weder in der dunklen Nacht noch am grauen Tage, auch nicht im viel zu heißen Sommer oder im eisigen Winter, vielleicht gerade so im Frühling für zwei Wochen, angenehm und aufregend. Aber was ist schon eine Stadt, doch nicht mehr als Straßen und Busse, Bahnen und Geschäfte, dazwischen ein Park und ein Fußballstadion, dahinter Häuser und Spielplätze und morgens Menschen, die sich zur Arbeit drängen. Was ist Ankara, wenn doch nicht mehr als eine aus versehen aus einem Dorf gemachte Großstadt, ein historischer Ort, irgendwie, eine Verwaltungsstadt mit einem Charme, den man suchen muss unter einer grauen Oberfläche. Ankara ist gemütlich, für Ausländer und Inländer, weil man sich nicht auf die Füße tritt, nicht auffällt, wenn man nicht will, nicht alleine sein muss, aber kann und es versteckte Cafés und Kneipen gibt, die das Leben angenehm machen.

Die Türkei ist...
...anders und deshalb mag ich sie. Einen anderen Grund konnte ich bisher nicht finden, aber ich suche auch nicht aktiv, sondern lebe hier, als ob es das normalste für mich wäre, genau hier zu leben und nicht woanders. Die Türkei ist eine moderne Republik, das konnte ich nicht langem Gedanken hin und her Schieben anerkennen, weil Deutschland eben nicht mehr modern ist, sondern postmodern und deshalb auch anders sein muss. Wie wäre diese Welt, wenn alle blond und blauäugig wären, wenn in jedem Land die gleiche Sprache und auf die gleiche Weise Geschirr gespült würde? Wenn es klar wäre, dass man sich zur Begrüßung rechts und links auf die Wange küsst und der Mann die Rechnung zahlt? Wenn es überall zum Frühstück Oliven gäbe und alle beim Tanzen mit den Fingern schnipsen und dabei mit den Schultern wackeln würden? Ja, es wäre langweilig, verlogen, eintönig und unmenschlich.

Die Türkei ist...
.... anders und trotzdem komme ich mit dem festgeschnürten Regelkorsett klar, finde es interessant und höre mir an, wie Menschen eben auch nach anderen, uns nicht vertrauten Regeln zusammen leben können. Die Türkei ist nicht perfekt, wer ist das schon, und die Europäerin in mir hat oft genug geschrieen und getobt. Aber, hey, ist läuft doch, irgendwie, meistens.


„Ich sammle Farben“, sagte Frederick, „denn das Leben ist grau“ – und die Türkei ist bunt, richtig bunt. Und damit werde ich meine Wand anstreichen in Deutschland, mit der großen Farbpalette, die die Türkei mir in die Hand gedrückt hat.


„Ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Tage“ sagte Frederick – und diese Sonne hängt nicht nur am Himmel, sondern ist in den Gesichtern, der Menschen, die ich hier treffen durfte. "Die Menschen, immer sind es die Menschen, du weißt es, ihr Herz ist ein kleiner Stern, der die Erde beleuchtet" (Rose Ausländer).


„Ich sammle Wörter. Es gibt viele lange Tage – und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen.“ – Ich liebe Wörter, seltsame, neue Wörter, deren Bedeutung eben manchmal doch nicht im Wörterbuch zu finden ist. Man muss sich erst auf die Suche begeben und zuhören, vielleicht es auch mal selber ausprobieren, sie zu benutzen. Wegen der Worte wollte ich herkommen und jetzt sitze ich hier, kenne so viele neue Wörter, es ist für mich so normal geworden, sie zu verwenden, wenn ich etwas ausdrücken will. Manchmal passt die Übersetzung auch gar nicht und ich bleibe beim Türkischen. Manchmal sind meine Ohren taub, ich verstehe kein Wort und dann zweifle ich an mir, glaube, dass ich diese Sprache nicht mal zu 5% durchschaut habe. Fragen über Fragen, über die Bedeutung von Wörtern, Gesten, Mimiken und Verhaltensweisen. Die ganzen Fragen, die ich gestellt habe und die mir gestellt wurden trugen alle dazu bei, dass ich a) noch mehr Fragen stellen musste und b) ich mehr gelernt habe, als wenn ich tatsächlich eine Antwort gefunden hätte. Ja, Wörter bilden Realitäten und die türkischen Wörter haben ein Haus in Ankara um mich gebaut.


Ankara’yi, seni seviyorum. Merak etme, seni unutamam, ben dönecegim, sana söz veriyorum!


Die Zeit ist abgelaufen, und auch wenn ich erst überlegt habe, noch mal einige Münzen in den Parkautomaten zu werfen, musste ich erschreckend die Parkuhr rufen hören: Du kannst es nicht festhalten, es ist wie es ist! Ich schaue auf den Kalender an meinem Schrank. Es sind noch vier Wochen, kann es gar nicht glauben!


Das letzte Mal vom sehirlerarasiterminali abfahren, einen Bus besteigen und an neue Orte fahren, das letzte Mal bei Gamze Piknik dieses fantastisch hausgemachte Essen verspeisen, das letzte Mal Spesial Bazlama im Kafe Arkadas, nur noch ein Mal tanzen im Nefes und dann mit dem Taxi eben die Straße runter am Kurtulus Parki vorbei zum Wohnheim. Das letzte Mal zu ASAM und in der Teepause ein paar Späßchen mit den Kollegen machen. Noch ein mal bei Cigdem Hoca im Unterricht sitzen und über die türkische Grammatik Neues erfahren. „Ben Erasmus ögrencisiyim. Subattan beri Ankara’dayim. Evet, Türkce en fazla burada ögrendim.” – noch ein letztes Mal möchte ich das sagen. Treffpunkt: Dost Kitabevi in Kizilay, OK? Noch ein mal. Den langen Weg zum Beytepe-Kampus, um ein bisschen Bürokratie zu spielen. Das letzte Mal die Treppen zu Ayses Zimmer hochgehen, um den Tag zu bequatschen, über Männer zu fluchen, noch mal fragen, ob das in der Türkei echt so ist und was sie so denkt. Das letzte Mal durch das Drehkreuz im Wohnheim gehen, am liebsten rauchend und trinkend, mit zwei Männern im Arm...


Das war’s! Hat mich außerordentlich gefreut!
Lydia









Freitag, 12. Dezember 2008

Der Traum von einer perfekten Welt

„Das ist vielleicht jetzt eine sehr allgemeine Frage, aber wie sieht für dich eine perfekte Welt aus?“ fragte mich ein Freund aus Uganda kürzlich. „Weltfrieden!“ sagte ich spontan und spontane Ideen sind eben doch meist die richtigen. Nun, viel mehr konnte mir nicht einfallen, da ich vier Tage in der Woche acht stundenlang mit den Problemen von Flüchtlingen in der Türkei zu tun habe. „Ja“, wiederholte ich. „Perfekt wäre es doch, wenn überall Frieden wäre.“

Globalisierung hat mich um die Welt geschickt. In mehrfacher Hinsicht: durchs Fernsehen und Internet, durch das Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen in Deutschland, durch Urlaube in Holland und Spanien, durch Leben und Lernen in Tansania und in der Türkei. Ich habe immer versucht, das Positive der Globalisierung zu unterstreichen und die Welt ein bisschen besser zu hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Globalisierungs-Gegner weisen vernünftige und notwendige Argumente auf, warum Globalisierung eben nicht nur wunderbar ist. Ich bleibe aber dabei: Globalisierung ist die Chance zum Weltfrieden.

Nationalismus ist sicherlich nicht der Weg, um Frieden zu erreichen. In Deutschland haben wir uns längst von nationalen Symbolen und Nationalstolz abgewendet. Auch die Fußball-WM 2006 in Deutschland konnte daran doch nicht wirklich etwas ändern. Es gibt tausend Dinge, worauf man Stolz in Deutschland sein könnte. Wenn diese Frage im Raum steht, sage ich stets: Unser Bildungssystem (trotz seiner Macken) und unser soziales Sicherungsnetz sind Dinge, auf die ich stolz sein kann. Aber stolz darauf, Deutsche zu sein, bin ich nicht. Vielmehr bin ich froh, dass ich zufällig in Deutschland geboren wurde, wo ich ohne Angst aus dem Wasserhahn trinken kann, es völlig normal ist, mit sechs Jahren Schwimmen und Fahrradfahren zu lernen, meine größte Sorge mit 15 Jahren mein Outfit war und ich mich ärgerte, wenn ich zu Weihnachten nur ein neues Fahrrad und nicht noch einen Computer dazu bekommen habe. Aber stolz?

Weltfrieden, eine Utopie, das gebe ich gerne zu, aber dennoch ein Ziel, das man verfolgen sollte, ganz deontologisch gedacht. Nationalstolz hat für mich jeher einen fiesen Beigeschmack gehabt, ein bisschen hochnäsig, eitel, herablassend, mit einem Wort: unnötig! Was hat es schon gebracht, stolz auf seine Nationalität zu sein? Krieg, nehme ich an, um sein Territorium zu verteidigen oder zu vergrößern. Unterdrückung, denke ich, denn wenn ich stolz auf meine Nationalität bin, impliziert es doch, dass die anderen (wenn auch nur im geringen Maße), nicht so gut sind, wie ich es bin. Ein eingeschränkter Horizont und Voreingenommenheit, das könnte auch sein, denn wenn ich übermäßig stolz auf ein Land bin, sinkt gleichzeitig mein Interesse an anderen Ländern und Kulturen. Nationalstolz, ich kann mich mit diesem Begriff nicht anfreunden.

Zum Weltfrieden gehört für mich auch die Abschaffung des Militärs. Für diese Meinung werde ich häufig müde belächelt. Es ist mir klar, dass das eine genauso große Utopie ist wie Weltfrieden, aber ohne Idealismus würden wir heute noch in Höhlen wohnen und rohes Fleisch essen, weil keiner je vom Feuermachen gehört hätte. Oder so ähnlich. Militär ist ein Verein, der mich schon immer abgestoßen hat: Hierarchie, Befehle ausführen, nichts anderes lernen außer sich verstecken und zielgerichtet schießen, wie es eine Freundin von mir ausdrückte. Sicherlich, Hierarchie im Militär muss sein, denn auf dem Schlachtfeld bleibt kein Raum für Diskussionen, so könnten wir doch auch gleich das Schlachtfeld abschaffen. Dann wäre Platz für (Friedens-)Gespräche, Gedankenaustausch und Kritik. Vielleicht habe ich als Kind zu häufig die Sesamstraße geguckt. „Wer nicht fragt bleibt dumm!“ Und ich frage sehr gerne „warum eigentlich?“ und ein „Das ist eben so, Kind“ akzeptiere ich genauso wenig wie ein „Wir sind deine Eltern. Wir erlauben es dir nicht.“ Manchmal treffe ich auf Soldaten auf dem Weg von Koblenz nach Münster und ich schaue sie immer etwas bemitleidend an, wenn sie in ihren Tarnfarben in der bunten Bahn sitzen. Ich glaube, sie kommen sich selber etwas komisch vor. Habe schon oft erlebt, dass sie etwas beschämt aus der grünen Wäsche guckten. Es schien dem ein oder anderen Wehrdienstler nicht gleich peinlich aber dennoch unangenehm zu sein, als Soldat durch die zivile, friedliche Welt in Deutschland zu laufen. Vielleicht täusche ich mich, aber einen Soldaten, der mit Stolz und Würde seine Uniform trägt, ist mir in Deutschland noch nicht begegnet.

In der Türkei ist das anders, um den Bogen endlich zu kriegen. Mein erster Besuch im Atatürk-Mausoleum war ein schwerer Gang, der zweite Besuch wurde nicht besser. Interessant war es, das muss ich zugeben, imposant auch, aber vor allem befremdlich. Vergessen habe ich nicht den Blick eines türkischen Bekannten, der sich mit unserem Tour-Guide (Soldat) unterhielt und bewundert die Soldaten beim Wachwechsel ansah. „Arme Jungs,“ dachte ich bei mir, „stehen den ganzen Tag stock steif in der Sonne/Schnee (je nach dem) und langweilen sich zu Tode.“ Mein türkischer Freund hatte ganz andere Gedanken, als Ehre würde er es empfinden, wenn auch er dort ein mal stehen dürfe. Nach dem Uni-Abschluss steht für ihn auch die Wehrpflicht an, auf die er sich glatt freut. Befremdlich, für mich. Aber nicht völlig ungewöhnlich, gehört habe ich schon öfter, dass solche Tätigkeiten als Ehre empfunden wurden.

Unwohl fühlte ich mich vorgestern in Aliaga, einem kleinen Ort bei Izmir. Ich nahm den Nachtbus nach Ankara. Tagsüber hatte ich schon diverse Autokorsos beobachtet, mit Fahnen schwenkend. Hochzeit? Wohl kaum, dachte ich, und meine Freundin bestätigte mir, dass wohl am nächsten Tag eine Jungs zum Militär gehen würden. Eine Art Abschiedszeremonie also. Am Busstop erneut ein fremdes Bild: Junge Männer begleitet von ihren Familien, mit türkischen Fahnen beschmückt. Bevor die Jungs in den Bus einstiegen, wurden sie in die Luft geworfen: „Der größte Soldat, ist unser Soldat,“ wurde dabei von der Menge geschrieen. Die ganze Zeit denke ich darüber nach, was das nur heißen könnte. Ich komme nicht darauf, kann es mir jemand erklären? Losfahren konnte der Bus auch nachdem die Jungs eingestiegen sind nicht, wurde er doch gleich drei Mal von Jugendlichen gestoppt, die für ihren Freund, den zukünftigen Soldaten im Bus, die Nationalhymne sangen. Ich fühlte mich fehl am Platze, als Deutsche zwischen Türken, die stolz auf ihr Land sind. Nein, viel mehr Stolz auf Soldaten sind, die ihr Land und ihren Nationalstolz verteidigen.

Ich habe noch nie in meinem Leben die deutsche Nationalhymne gesungen. Noch nie zu einem offiziellen Anlass. Gut, vor einem Fußballspiel, so zum Spaß vor dem Fernseher. Aber sonst, noch nie. Für mich ist es selbstverständlich zu respektieren, dass es in der Türkei einen anderen Stellenwert hat. Und so stehe ich eben auch auf, wenn der Istiklal Marsi ertönt und ich bin auch eine Minute stehen geblieben, als der Todesstunde Atatürks gedacht wurde. Aus Respekt vor diesem Land und seinen Werten. Und so hoffe ich, dass auch mir gegenüber Respekt gezeigt, wenn ich dieses hier schreibe.

Nationalstolz nimmt Raum für Kritik, habe ich erfahren und so langsam verstehe ich, warum die Deutschen bekannt dafür sind, zu diskutieren und zu kritisieren. Ich denke, dass Nationalstolz Tabus mit sich bringt, Themen, die eben nicht angetastet werden dürfen, nicht kritisiert werden dürfen, etwas, was wir in Deutschland nicht kennen. Wie gut es tut, wenn man Dinge hinterfragt, kritisiert, für gut oder schlecht befindet. Es bringt Raum für Veränderung, Verbesserung, es bereitet den Weg für Verständnis und langfristig zum Weltfrieden. Nationalstolz gibt es in so vielen Ländern, Deutschland ist eher in der Ausnahme mit seiner Nicht-Stolz-Sein-Haltung, warum eigentlich? Und warum ist es in Deutschland nicht ausschließlich ruhig und friedlich, wenn wir Nationalstolz doch eigentlich nicht kennen?

Vor Jahren habe ich einmal einen Film gesehen, es ging um einen Afrikaner in Abschiebehaft. Am Ende frage der Kommissar den Flüchtling: „Sag mal, wie heißt es eigentlich richtig: Schwarzer oder Farbiger?“ „Wie wäre es denn mit ‚Mensch’?“ war die Antwort. Ja, wie wäre es denn mit: Ich bin stolz darauf ein Mensch zu sein, ich respektiere andere Menschen, stehe für sie ein, egal zu welcher Nationalität, welchem Klan oder Religion sie gehören?

Wie wäre es mit Mensch?

Donnerstag, 27. November 2008

Burasi Türkiye

Ihr Lieben,

nun ist schon die dritte Rüge in meinem Postfach angekommen: Was machst du? Wo bist du? Auf deinem blog gibt'S ja schon lange nichts Neues mehr zu lesen! Nun, hier also ein schnell-up-date: Seit letzter Woche bin ich viel unterwegs, das Praktikum fordert Opfer und ich reise jede Woche in eine andere Stadt, um dort in einem unserer Büros zu arbeiten. Dazwischen Kurban Bayrami, Opferfest, an dem ich in Izmir sein werde und wir im Garten meiner Mitbewohnerin irgendein Tier killen werden. Dazu wieder eine Menge Baklava, burasi Türkiye :-)!


Ich könnte seitenweise den blog füllen, habe viel zu berichten. Nur wollen meine Finger nicht so richtig was Nettes tippen. Nach ein paar Tagen ausruhen ist meine alte Schreibkraft bestimmt wieder da, bitte also weiterhin um etwas Geduld. Etwas Interessantes möchte ich aber jetzt schon mit euch teilen, gefunden in der heutigen Ausgabe der Cumhurriyet Tageszeitung:

* Jungfräulichkeitstest im Studentenwohnheim

Sowas gibt's auch nur in Istanbul! Immerhin, alle sind empört darüber, ein echter Skandel. Verrückt, verrückt. Kommentar meiner Kommilitonin: Und in so einem Land lebe ich! Naja, gäbe es nicht solche Nachrichten, wäre es ja auch langweilig :-)!

Liebe Grüße!

Lydia

PS: Bin gerettet! Konnte auf dem Weihnachtsbasar in der Schule der Deutschen Botschaft Stollen (mit Marzipan!), Dominosteine, gefüllte Lebkuchenherzen und Salami erstehen. Ha, Weihnachten kann kommen!!!

Sonntag, 2. November 2008

Lydia the tattooed lady

Ihr Lieben,

Es war reiner Zufall, dass ich mir den Film „König der Fischer“ angesehen habe. Robin Williams ist dort in einer für ihn ganz ungewöhnlichen Rolle als Geisteskranker zu sehen und verliebt sich unsterblich in Lydia.
Ich finde es immer interessant, wenn ich Menschen treffe oder von ihnen höre, die den gleichen Namen wie ich haben. Das passiert mir wirklich selten und ich bin im ersten Moment irritiert und manchmal sogar sauer: Ich bin doch Lydia, wie kann jemand anders auch so heißen? So ein Name macht schon viel seiner eigenen Identität aus, denke ich. Lange Zeit hieß ich eigentlich für keinen Lydia, mich riefen alle „Lyd“ und das gefällt mir bis heute noch. Aber im Ausland funktioniert das mit dem „y“ einfach nicht, denn einen „ü“-Laut kennen viele Sprachen nicht und so wurde ich plötzlich zu „Lidia“. Für mich ist das so normal geworden, dass ich mich mittlerweile schon direkt so vorstelle, sobald ich in einer Fremdsprache rede. Denn den Fehler mich als „Lüdia“ vorzustellen begehe ich nicht wieder, daraus wurde dann ganz schnell „Ludia“ – das geht gar nicht! Die türkische Sprache kennt das „ü“ ja eigentlich aber mit meinem Namen kann dann trotzdem niemand etwas anfangen. Von den „Lidiyalar“ (Lyder) haben dann aber doch einige gehört und somit blieb ich dabei: Im Ausland bin ich Lidia, in Münster Lyd und in Koblenz ist es irgendwie bei Lydia geblieben. Ich finde es bereichernd überall jemand anders zu sein, denn mit meinen verschiedenen Name verbinde ich verschiedene Identitäten, Zeiten, Orte. Ob es irgendwann zu „Lydia the tattooed lady“ wird? Wohl eher nicht :- )!

„Ankara is a city of imagination“, sagte mir kürzlich ein Kommilitone. Wie weise, dachte ich erst, was er damit wohl sagen will? „You just have o imagine Ankara was beautiful and then it will be!“ Gar nicht mal so dumm, wenn das Leben schon schwer ist, kann man es sich ja wenigstens schön denken. Die Temperaturen sind im Eiltempo gefallen und wir frieren hier bei um die 10 Grad und bedecktem Himmel. Warum die Menschen nur damals aus Afrika nordwärts gewandert sind? Der Mensch ist doch wirklich nicht gemacht für diese Klimazone. Dunkel, kalt, nass und dass noch bis Mai! Diese Perspektive finde ich erschreckend, traurig macht mich aber vor allem, dass plötzlich mein Lebensraum so arg geschrumpft ist. Rumsitzen im Park, spazieren durch sonnenbeschienene Straßen, Tee trinken im Straßencafe hat nun ein Ende. Gesund kann es nicht sein sich von nun an meist drinnen aufzuhalten, aber frieren will ich ja auch nicht. Leider hat unser Wohnheim keinen wirklichen Aufenthaltsraum zu bieten, nur eine schrecklich sterile Kantine, die ich bis heute versuche zu meiden. Der Geruch nach altem Frittierfett, der Lärm des alten, knarrenden Fernsehers und harte Bänke schrecken mich ab. In 2 ½ Monaten geht es zurück nach Deutschland, letzte Woche habe ich ein Ticket für den 16.01.09 gekauft. Dann ist auch dieses Wohnheim Geschichte, was wohl auch ganz gut so ist. Ich sage immer, dass ich nun geschädigt für mein Leben bin und nie wieder in einem Wohnheim leben kann. Bei all den Dingen, die ich hier lerne, so geht es mir auch auf die Nerven, mich den Regeln unterzuordnen. Auch dass man eigentlich nur auf dem Klo oder beim Duschen alleine ist, finde ich häufig schwierig. Nun, ich bin den ganzen Tag unterwegs, sehe meine Mitbewohnerin beim zu Bett Gehen und Aufstehen, aber dass ich nie alleine bin (nie wirklich zumindest), hat schon seine Spuren hinterlassen, denn ich merke, dass ich immer weniger gern alleine bin. Hmm, dabei war ich doch immer gerne mal alleine!
Um in Deutschland einen guten Start hinzubekommen, suche ich gerade einen Praktikumsplatz. Es scheint schwieriger zu sein als gedacht, dabei suche ich etwas, dass meiner Meinung nach in vielen Facetten existieren müsste: Ich will etwas tun für das deutsch-türkische (oder deutsch-interkulturelle) Zusammenleben, mit vielen Menschen arbeiten und nicht in einem Büro sein. Wer Ideen hat, bitte an mich weiterleiten!
Der türkische Staat hat Angst, denke ich. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Seiten wie „youtube“ seit Monaten geblockt sind. Solche Plattformen wurden wohl genutzt, um gegen die Regierung Stimmung zu machen – jetzt haben sie auch blogspot.com entdeckt und kurzer Hand geblockt. Somit bin ich nun illegal am Schreiben, ein komisches Gefühl. Mit ein paar simplen Einstellungen konnte ich die Blockierung aufheben, aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt: Big Brother is watching you... und das nicht nur im Wohnheim!


Ich grüße, auf bald!

Lydia

Sonntag, 12. Oktober 2008

Ayse’nin ikiyüzlük teorisi

Ihr Lieben,
nach einem kleinen Spaziergang durchs Zentrum Ankaras, einer ausgiebigen Shoppingtour, war es Freundin Ayse und mir nach Pizza und türkischem Tee. Da wir schon zusammen saßen und die Stimmung hoch wissenschaftlich war (wir kamen gerade aus der Bibliothek), fingen wir an, uns über Werte und Gesellschaftsstrukturen zu unterhalten. Dazu folgende Vorgeschichte:

In unserem Fachbereich sitzt seit ein paar Tagen ein Soziologe aus Deutschland, der Internetchats von deutsch-türkischen Jugendlichen untersucht. Mit ihm Sprach ich ein wenig über deutsch-türkische Kulturunterschiede; da blieb natürlich das Thema Moralanstalt Wohnheim nicht aus. Er führt die gesellschaftliche Kontrolle auf gelerntes, kulturbedingtes Verhalten zurück, das in christlich geprägten Länder so nicht zu finden ist. Wir haben im Laufe der Zeit, Werte verinnerlicht und müssen primär vor uns selber rechtfertigen, warum wir uns wie verhalten. In Deutschland sind Jugendliche während ihrer Sozialisation dazu angehalten, aus einem großen Wertebasar, der sich aus Philosophie, Religion und Kapitalismus speist, die GRUNDLAGE des eigenen Lebens auszuwählen. Individuell, unabhängig, gleichberichtigt.

In muslimischen Ländern ist das religiöse Leben viel öffentlicher (wohl auch zu erkennen an Symbolen wie Kopftuch oder Beten Freitagmittag auf der Straße – das ist wirklich sehenswert, wie voll die Straßen Ankaras Innenstadt mit betenden MÄNNERN sind). Anstatt im stillen Kämmerlein seine Beziehung zu Gott zu pflegen, tragen Muslime ihre Überzeugungen viel eher nach Außen, werden demnach auch von der Außenwelt kontrolliert. Hinzukommt wohl – und das ist eine nicht ganz ungefährliche Aussage – dass hier noch viel eher Autoritäten geglaubt wird, als wir es in Deutschland tun. „Mein Hoca sagte dies oder das“ hört man hier nicht selten, wobei Hoca ein Professor in der Uni genauso wie der Imam in der Moschee sein kann und ich schließe hier auch die Eltern mit ein. Und wenn der Hoca es sagt, stimmt es wohl auch. Wir Deutschen sind Meister darin, alles und jeden zu kritisieren. Wir dürfen es nicht nur, wir werden geradezu dazu aufgefordert, zu hinterfragen. Andererseits, wenn ich an die Vorlesungen und Seminare denke (in denen ich leider eigentlich nichts verstanden hatte), so hatte ich doch das Gefühl, dass viel diskutiert und in Frage gestellt wurde und die Profs sich Mühe gaben, die Studentin zum Denken anzuregen. Tja, mein Versuch allgemeingültig zu sprechen klappt eben nur zu einem gewissen Prozentsatz. Worauf ich hinaus will: Während Werte bei uns die Basis ausmachen, schweben hier die Werte als etwas Übermächtiges über dem Einzelnen, kontrolliert von der Familie, dem Staat, der Gesellschaft, der Schule, dem Imam, den Freunden.


Ayse konnte sich zu meiner Freude nur durch ein paar kleine Anstöße von mir in das Thema geradezu hineinsteigern, so sehr freute sie sich mit jemanden ihre Überlegungen zu teilen. Zum Erklären bediente sie sich der letzten Seite meines Vokabelheftes und entwickelte ihre Theorie der zwei Gesichter, die ihrer Meinung nach die Widersprüchlichkeit in der türkischen Gesellschaft – die ihr manchmal des Leben schwer macht – perfekt zusammenfasst. Am Beispiel Wohnheim (mein Lieblingslernort, wie ihr merkt) erkennt man: Während der Staat auf der einen Seite gesetzlich festlegt, dass man mit 18 Jahren volljährig ist, frei Entscheidungen treffen kann und Verantwortung zu tragen hat (zum Beispiel bei der Zahlung von Kreditkartenrechnungen), sagt mir der gleiche Staat, dass ich als volljährige Studentin einer staatlichen Universität und als Bewohnerin eines staatlichen Wohnheimes um 24 Uhr zu Hause zu sein habe und dass ich keinen Männer Besuch haben darf. Geht das? Doch eigentlich nicht.
Hätte nie gedacht, dass ich Alice Schwarzer mal dankbar für ihre Frauenbewegung sein würde, am Rande bemerkt. In Deutschland sind wir von dem Gender-Thema ja eher genervt als begeistert.

Damit zusammen hängt: Warum eigentlich? Diese Frage lässt mich seit längerem nicht los und die Tatsache, dass ich eine Antwort nicht simpel auf der Straße auflesen konnte, macht mich noch nachdenklicher. Warum nur, fühle ich mich in einem Land aufgehoben, dessen „offizielle“ Moral ich eigentlich nicht teilen kann?

Kürzlich sprach ich mit einem anderen Austauschstudenten; das Fremdsein in der Türkei verbindet eben und es tut gut, sich ab und an mit Gleichgesinnten über Erfahrungen auszutauschen. So versuche ich, meine Zeit hier zu verarbeiten. Nun, ich sehe hier vieles als ein Spiel an. Allen voran das Leben im Wohnheim, ich nenne es gerne die Moralanstalt Wohnheim. Ja, es ist ein Spiel das Leben hier, so fühle ich mich, und ich spiele gerne mit, es macht doch Spaß mal was Neues auszuprobieren. Ich kann viele Spielregeln nicht nachvollziehen, dennoch halte ich mich daran. Für fragwürdig halte ich Aussagen, die zu pauschalisierend sind. Soll ich sagen „Die Türken sind so oder so?“ , um einem Außenstehenden die Spielregeln deutlich zu machen? Ich traue mich das nicht, denn eines ist sicher: Ich habe noch nie ein Land gesehen, dass so viele verschiedene Lebensweisen aufweißt, die nebeneinander relativ problemlos existieren können. Das ist Pluralismus. Gerne erinnere ich mich an das Bild von jungen Mädchen im Bikini am Strand, gleich daneben eine junge Frau, die mit Kopftuch und komplett bekleidet ins Wasser ging. Gut, nebeneinander zu leben ist nicht gerade eine große Kunst. Man ist eben verschieden, hat sich nichts zu sagen, streitet sich dann aber auch nicht. Hey, das ist immerhin besser, als sich ständig auf die Vor- und Nachteile der jeweiligen Lebensweise aufmerksam zu machen, um dann im Streit auseinander zu gehen. Lernen tut man durch Stillschweigen aber auch nichts. Ayse hat ihre Meinung schon vorher versucht mit Kommilitonen zu teilen und ist auf recht schroffe Weise darauf hingewiesen worden, dass solche Gedanken „ayip“ sind. Ihre Meinung dazu: Wie können Studentin, die von einer Hochschule absolvieren, so unkritisch mit den Zuständen in ihrer Gesellschaft umgehen? Schon bemerkenswert, was ein Mädchen aus einem 1000 Einwohnerdorf sich für Gedanken macht. So viel zu den Vorurteilen gegenüber Dörflern aus Anatolien.
Die Welt ist hier ein bisschen weicher, haben mein Austauschstudentkommilitone (meine Güte, welch umständliche Ausdrucksweise) und ich festgestellt. Irgendwie ist das Leben hier eine Parallelrealität und ich denke immer: Wenn du hier hinfällst, tut es nicht so weh wie in Deutschland. Alles fühlt sich weicher an, das trifft es einfach, es ist eben nur ein Spiel, nicht die wirklich, harte Realität wie Deutschland. Ich kann vieles nicht nachvollziehen, allen voran, ich sage es gerne immer wieder, diese Moral, diese Kontrolle. Aber ich kann mir nicht herausnehmen es abzulehnen, zu sagen „Die Türken sind auf dem falschen Weg.“ Ich gehe durch diese Gesellschaft, mache die Spielchen mit, zu denen ich eingeladen werde (der neuste Streich: Ich habe meine Handinnenflächen mit Henna färben lassen und ernte dafür meistens kopfschüttelnde Lacher: „Was du alles gelernt hast! Türk oldun, zaten!“) und denke: Interessant! Das ist es, ein mit großen Augen und einem Lächeln versehenes: Wirklich, interessant!

Es ist schade, mir fehlt es immer schwerer mich hinzusetzten und etwas Interessantes in diesem blog zu schreiben. Ein Grund ist sicherlich, dass ich nun brav von 9-17 Uhr als Praktikant mein Dasein pflege, am PC arbeite, lese, schreibe, nachdenke und die Abendstunden und Wochenenden ungern auch nach Computer verbringen möchte. Mir fehlt es ein bisschen, nette Worte zu suchen, die Stimmungen, Begegnungen, Ereignisse treffend beschreiben. Nun, ich gebe mir Mühe, mir die Zeit zu nehmen, Erlebtes zu reflektieren. Wie sonst lerne ich etwas? Wie sonst kann ich endlich eine tatsächlich eine befriedigende Antwort auf das „Warum eigentlich?“ finden?

Ich grüße, auf bald,
Lydia