Ihr Lieben,
„Ein straffes Programm legen Sie da vor, Frau Heidrich“ sagte Sally – das fasst vortrefflich meine erste Woche in Deutschland zusammen. Keine Zeit verlieren, alles irgendwie innerhalb von 2 Wochen abhaken (Arztbesuche, Wohnung suchen und finden, Praktikumsvorstellungsgespräch, bei der FH wichtige Unterlagen abgeben, beim Auslandsamt mindestens kurz Hallo sagen, BAföG-Antrag neu stellen...), damit ich ab dem 01.02.09 ein freiwilliges Praktikum absolvieren kann. Ob das jetzt normal, verrückt oder sinnvoll ist, weiß ich selber noch nicht, aber eins ist mir klar: Ich habe den Punkt „Re-Integration“ auf meiner to-do-Liste nicht mit aufgeführt und spüre diverse Konsequenzen. Gedanklich bin ich im Niemandsland gestrandet, habe irgendwie schon das Gefühl vergessen, das mich umspannte, als Ankara noch meine Heimat war. Ich gehe durch altbekannte Straßen in Münster, bin erschrocken über eine fiese Normalität, die mir entgegen zu lachen versucht. Nur hindert mich irgendetwas, zurück zu lachen. Münster, und Koblenz erst recht, kommt mir witzig klein vor, wie eine Pupenstube und ich komme nicht drum rum immer und immer wieder zu denken „Nein, wie süß“.
Ich habe mir kaum Ruhe gegönnt, um vielleicht auch komische Rückkehrergefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zu viel Zeit zum Denken gleich zu viel Zeit, um einen Kulturschock hochkommen zu lassen? Kein empfehlenswertes Rezept, wie ich selber auch weiß und so verbrachte ich die letzten Tage alleine beim Aufräumen meiner Umzugskisten und vielleicht gerade noch bei einem abendlichen Tee mit alten Freunden. Und von denen habe ich bisher wirklich wenig angerufen oder getroffen. Einige Treffen habe ich sogar abgesagt, absagen müssen. Denn so viel Tempo hat auch Nebenwirkungen. In den ersten Tagen drehte sich mein Kopf so sehr, wenn ich abends im Bett lag, dass ich gar nicht einschlafen konnte. Ich hatte so viele Gedanken im Kopf, über das vergangene Jahr, die Angst vor der Rückkehr und der Eingewöhnungszeit, dass es mir unmöglich war, diese Gedanken auch zu denken! Es war ein Klotz in meinem Kopf, ein Gedanken Berg in Größenordnung Kilimanjaro, der nicht gedacht werden konnte. Die einfachsten Fragen („Was denken Türken eigentlich über Deutsche?“) konnte ich meinen Kommilitonen in Koblenz nicht beantworten, mir fiel nichts dazu ein, obwohl ich dazu eigentlich einiges zu sagen hätte.
Frau greift ja manchmal zu „billigen“ Mitteln, um einen Neuanfang zu begehen und so habe ich mir zu aller erst neue Unterwäsche gekauft und meine Haare gefärbt. Ich will damit mein Niveau nicht unnötig auf Brigitte-Leser herunter ziehen, aber manchmal müssen Veränderung eben doch nach außen getragen werden, so scheint es, um eine innere Veränderung besser durchstehen zu können.
Nach 12 Monaten Türkei, vielen E-Mails, Telefonaten, Briefen und Gedanken an Euch bleibt mir nun nicht viel mehr als DANKE zu sagen für Eure wunderbare Unterstützung und Eure Hilfe in meiner schweren Anfangsphase, das Teilhaben an meinem Jahr in Ankara.
Ganz besonders danke ich Basti, Sally und Nina, Laura und Anika, die die zeitliche und finanzielle Bürde auf sich genommen haben, um mich zu besuchen. Es war ein fantastischer Sommer, vielen vielen Dank.
Danke an alle fleißigen Leser meines blogs. Ich habe großen Respekt davor, dass ihr euch durch meine doch oft langen Beiträge gelesen habt, mir euren Kommentar gepostet oder gemailt und mich damit nicht selten wachgerüttelt habt.
Danke auch an diejenigen, die es nicht geschafft haben, hier mitzulesen, mit denen ich selten Kontakt hatte, aus den unterschiedlichsten Gründen (nicht wahr, Katja ;-)?!). Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass ihr trotzdem da seid, dass ich mich auf euch verlassen kann.
Schönen Dank auch an die EU, die BRD und das Land Rheinland-Pfalz, die mich mit einem guten Polster Stipendien ausgestattet haben. Besonderen Dank ans Auslandsamt der FH Koblenz, ohne Eure Unterstützung hätte ich sicherlich nicht fliegen können!
Und natürlich auch vielen Dank an meine Eltern und meinen Bruder, dass ihr mich immer wieder gehen lasst, ohne zu meckern :-)! Dazu noch Grüße an meine Großcousine Marianne für das Aufbewahren meiner Möbel, vielen Dank.
Diesen blog habe ich eröffnet, um mein Jahr Türkei in eine nette Form zu bringen, um meine Gedanken zu ordnen und Euch daran teilhaben zu lassen. Das Jahr ist rum und, es tut mir schon fast weh, das zu sagen, aber damit hat auch dieser blog ein Ende...
Es war mir ein Vergnügen!
Auf bald persönlich, via E-Mail, Telefon und Co!
Lydia
PS: Für alle, die ohne blog nicht können, besucht doch meine liebe Sally in Costa Rica http://sallycostarica.blogspot.com/ !






